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EAM-Kolumne August/September 2011
Demographischer Wandel – was wirklich dahinter steckt
Sehr geehrte Damen,
liebe Freundinnen und Freunde,
beinahe täglich begegnet uns in den Medien der Begriff „demographischer Wandel“. Oft wirkt er in den dargestellten Zusammenhängen fast schon bedrohlich, wie ein erhobener Zeigefinger, der auf das böse Ende hinweist. Aber wissen wir alle eigentlich wirklich, was mit diesem Ausdruck gemeint ist? Umfragen zufolge haben ihn immer noch viele nie gehört, erklären ihn falsch oder beschränken sich bei der Erklärung auf die Nennung des Alterungs- und Schrumpfungsprozesses der deutschen Bevölkerung.
Der Begriff „Demographie“ kommt aus dem Griechischen und steht für eine Wissenschaft, die sich mit der Bevölkerung im Allgemeinen befasst. Das Volk wird dabei untersucht und nach Zahl, Zusammensetzung und Struktur beschrieben. Veränderungen bezüglich Geschlechterverhältnis, Familienstand, Lebensform, Kinderzahl, Religion, Gesundheitszustand und Alter werden ebenso analysiert wie Ereignisse im Laufe der Zeit wie zum Beispiel Eheschließungen, Familiengründungen, Wohnortwechsel, Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse, Konsumverhalten und vieles mehr.
Während sich nun einerseits das familiäre und gesellschaftliche Zu-sammenleben immer vielfältiger gestaltet, wird laut Informationen des Statistischem Bundesamtes bis zum Jahr 2050 die Bevölkerung Deutschlands um rund sieben Millionen Menschen auf insgesamt 75 Millionen schrumpfen (heutiger Stand: 83 Millionen). Denn trotz etwa konstanter Geburtenrate (1,4 Kinder pro Frau) geht die Zahl der Geburten kontinuierlich zurück. Seit den 70er Jahren sterben in Deutschland mehr Menschen als geboren werden, und dieser Verlust wird nicht auf Dauer durch Zuwanderung vollständig kompensiert.
Dieser Prozess ist ohne historisches Beispiel, das heißt, es existieren keine Erfahrungen mit möglichen Auswirkungen auf unsere Gesellschaft und auch keine Konzepte zum Umgang mit dieser Veränderung.
Zunächst ist mit einer starken Zunahme des Anteils älterer Menschen zu rechnen. Zeitlich versetzt setzt dann ein deutlicher Bevölkerungsrückgang ein, von dem bis heute relativ wenig zu spüren ist, da zum einen allein im 20. Jahrhundert die durchschnittliche Lebenserfahrung um rund 20 Jahre gestiegen ist, und zum anderen heute circa 14 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland leben. Sie können also zur Zeit noch die Lücken, die durch den Geburtenrückgang entstehen, füllen.
Die Ursache für die gestiegene Lebenserwartung liegt im mediz-nischen Fortschritt, der verbesserten Hygiene, der Unfallverhütung und sozialen Sicherung sowie allgemein in der Steigerung des Wohlstands. Doch was sind die Hauptursachen für den Rückgang der Geburtenzahlen?
- Ein Strukturwandel in der Familie: Kinder dienen nicht mehr der Alterssicherung, sondern werden als finanzielle Belastung gesehen.
- Die Emanzipation und Gleichstel-lung der Frauen: Der Einstieg in die Arbeitswelt auf allen Ebenen wird durch das Vorhandensein von Kindern erschwert.
- Die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Es fehlen ausreichende kommunale, aber auch betriebliche Kinderbetreuungsplätze zur Entlastung der Familien.
- Ein aufwändiger Lebensstil mit verändertem Konsumverhalten.
Die beiden beschriebenen Prozesse der Alterung und Schrumpfung unserer Gesellschaft sind zur Zeit nicht aufzuhalten und damit unabwendbar. Aber ihre negativen Folgen könnten gemildert werden, zum Beispiel durch längere Arbeitszeiten, Anpassung der Arbeitswelt an ältere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und auch durch die Mehrbeschäftigung von Frauen. Voraussetzung dafür wären flexiblere Möglichkeiten der Kinderbetreuung, die Einrichtung von Ganztagsschulen und die Reform des Steuersystems dahingehend, dass unter anderem die Dienste von Tagesmüttern und Haushaltshilfen gefördert werden.
Zusätzlich ist es zwingend notwendig, dass die Bevölkerung über den derzeitigen demographischen Wandel hin zu einer alternden Gesellschaft aufgeklärt wird und jede und jeder aufgerufen ist, sich über dessen Folgen, aber auch über dessen Chancen Gedanken zu machen. Seit geraumer Zeit nehmen sich politische Gremien, ob nun Parlamente oder auch Nichtregierungsorganisationen, dieses Themas an, und auch in Stadtverwaltungen finden sich inzwischen entsprechende Arbeitskreise. Doch oft ist der Anfang aller Überlegungen schwer; wie soll man das Thema anpacken? Womit anfangen? Die Zuordnung mit Hilfe von Stichworten ist hier sehr hilfreich und lässt ein strukturiertes Vorgehen im Anschluss an das Sammeln von Beobachtungen und Einschätzungen zu. Beispiele wären hier „demogra-phischer Wandel und Städte-/ Wohnungsbau“, „ … und Beschäftigung“, „ … und öffentlicher Nahverkehr“, „ … und Gesundheit“, und natürlich auch „demographischer Wandel und Medien“. Gerade hier sind Überlegungen zur Mediennutzung, zu Medieninhalten sowie zur Medienkompetenz unverzichtbar. Erste Studien zur Fernsehnutzung in einer älter werdenden Gesellschaft liegen bereits vor, in denen Programminhalte und Programmformen überdacht werden. Und auch die sich immer schneller weiterentwickelnde Technik bezüglich TV, Computer, Audio und Video-Geräten sowie Telekommunikation befindet sich inzwischen auf dem Prüfstand. Nicht zuletzt muss sich aber auch die Werbewirtschaft kritischen Fragen aussetzen müssen, was ihre neue, zahlenmäßig stetig wachsende Zielgruppe, nämlich ältere Konsumenten und Konsumentinnen, betrifft.
Ein medienpolitisches Thema hat sich ebenfalls der Ausschuss für Medienpolitik des Bayerischen Landesfrauenrates (in dem auch die EAM über die Evangelische Frauenarbeit in Bayern Mitglied ist) vorgenommen und ist gerade dabei, ein ausführliches Forderungspapier zu erstellen. Der Arbeitstitel lautet: „Medien, Technik und Geschlechterrollen im demo-graphischen Wandel“.
Irene Münch, Bayreuth, Mitglied im EAM Vorstand
EAM-Kolumne Juni 2011
Sehr geehrte Damen,
liebe Freundinnen und Freunde,
Die etwas älteren unter uns kennen sicherlich folgende Geschichte ohne Worte. Sie stammt aus einer Zeit in der solche Bildfolgen noch nicht Cartoons hießen.
Sie besteht aus 3 gezeichneten Bildern und zeigt zunächst einen Herrn, der seriös gekleidet mit Mantel und Hut (!) an einer Zentraluhr auf einem Platz wartet. Er hat einen großen Blumenstrauß in der Hand. Die Zeiger der Uhr stehen auf 12 Uhr, die Sonne lacht vom Himmel, die Köpfe der Rosenblüten recken sich kerzengerade aus dem Einwickelpapier heraus.
Das zweite Bild zeigt den Mann unbeweglich, die Zeiger der Uhr sind auf 17 Uhr gewandert, der Himmel zeigt sich bewölkt, die Rosenköpfe zu Boden.
Das dritte Bild zeigt den Mann unbeweglich in gleicher Position, die Uhrzeiger stehen auf 21 Uhr, der Mond am Himmel, die Rosen hängen schlapp im zerknitterten Papier.
Ich kann mich gut daran erinnern, dass mich diese Bildserie einerseits amüsiert, andererseits auch berührt hat und ich meiner Phantasie freien Lauf gelassen habe: Auf wen wartete der Herr so geduldig? Auf seine große Liebe? Was war passiert? War sie verunglückt, hatte sie einen anderen Termin im Kopf oder einen anderen Treffpunkt oder gar einen anderen Freund? Auch wenn der Wartende rührend unbeholfen wirkte, er konnte mit meinem Mitgefühl rechnen.
Diese Zeiten sind nun unwiederbringlich vorbei! Vom Outfit des jungen Mannes einmal abgesehen, wird auch die große Zentraluhr, außer in Berlin auf dem Alexanderplatz, kaum noch als Treffpunkt dienen. In dieser Weise von seiner Freundin versetzt zu werden, kann dem jungen Mann nur noch ansatzweise passieren, falls er sein Handy vergessen haben sollte, was aber sehr unwahrscheinlich ist, denn im Zeitalter moderner Medientechnik sind wir doch immer und überall erreichbar, fast uneingeschränkt „einsehbar“ . Um unser Gedächtnis kümmert sich längst ein Timer, bzw. Notebook, der Laptop ist stets im Einsatz, Wir sind vernetzt!
Doch haben wir wirklich ausschließlich Vorteile von dieser globalen uneingeschränkten ruhelosen Verfügbarkeit?
Einsichtige Zeitgenossen und zukunftsgerichtete Wissenschaftler warnen vor einer schleichenden neuen Unverbindlichkeit, die im persönlichen Umfeld scheinbar „harmlos“ beginnt, sich aber auch im politischen Agieren von Regierungen und internationalen Organisationen widerspiegelt.
In unserem Alltag wird der Gesprächspartner nicht immer ganz so pünktlich sein, die Treffpunkte vorher festlegen, die Termine und Absprachen exakt einhalten. Ich kann ja quasi „im Laufen“ alle Daten beliebig ändern, denn auch mein Gegenüber ist permanent erreichbar. Es soll Fälle gegeben haben, bei denen sich statt der erwarteten Freundin eine ganze Clique eingefunden hatte. Ein unbedachter Klick bei Facebook und die Polizei musste einen ganzen Straßenzug sperren, weil mehrere 100 friends „spontan“ zu einer locker vereinbarten Party kommen wollten.
Als ich kürzlich beim Umsteigen auf dem Münchner Hauptbahnhof zufällig eine lang verschollen geglaubte Schulfreundin wiedersah, rief sie mir davoneilend zu: „Schau im Internet nach: ich bin drin!“, dabei wollte ich nur wissen, wie ich sie wieder einmal nach Jahren persönlich erreichen könnte.
Wir machen es uns zu leicht, diese Phänomene als Ausdruck einer neuen rastlosen „Jugendkultur“ abzutun. Sie sind die überall sichtbaren Zeichen einer sich ändernden gesellschaftlichen Wirklichkeit, die tiefgreifende Auswirkungen auf unser aller Leben haben wird.
Dr. Armin Schäfer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, hat eine Arbeit veröffentlicht, die 2005 mit der Otto-Hahn-Medaille ausgezeichnet wurde. Sie trägt den Titel: (2005) Die neue Unverbindlichkeit: Wirtschaftspolitische Koordinierung in Europa (Schriften aus dem MPI für Gesellschaftsforschung), Campus: Frankfurt am Main.
Auf seiner Homepage gibt der im laufenden Sommersemester an der Universität Heidelberg am Lehrstuhl Prof. Manfred G. Schmidt lehrende Privatdozent Demokratietheorie, politische Ökonomie der europäischen Integration, Sozialpolitik und Wohlfahrtsstaatsreform, historischer Institutionalismus und Parteien als seine Forschungsschwerpunkte an, alles Themen, die uns in naher Zukunft zu einschneidenden Entscheidungen nötigen werden.
Aus der Kurzbeschreibung des Buches auf der Internetseite http://www.buchhandel.de/detailansicht.aspx?isbn=978-3-593-37880-0
wird deutlich, um was es bei dieser neuen Unverbindlichkeit im politischen Kontext geht:
„Seit der Europäischen Währungsunion verfügt die Europäische Union über wirtschaftspolitische Kompetenzen, die bisher den Nationalstaaten vorbehalten waren. Der neu gewonnenen geldpolitischen Entscheidungsmacht der EU steht jedoch die nationale
Souveränität in Fragen der Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik gegenüber. Um Konflikte zwischen der EU und den einzelnen Ländern zu vermeiden, greifen die EU Staaten auf Koordinierungsformen zurück, die im Internationalen Währungsfonds und der OECD seit Jahrzehnten erfolgreich eingesetzt werden. Bekanntestes Beispiel dafür ist die so genannte »Offene Methode der Koordinierung«. Sie gilt als zukunftsweisendes politisches Instrument. Armin Schäfer widerlegt jedoch die optimistischen Erwartungen. Er zeigt vielmehr, dass eine solche weiche Form der Koordinierung, die letztlich lediglich auf dem Mangel an inhaltlicher Übereinstimmung basiert, den Mitgliedstaaten eine neue Unverbindlichkeit ermöglicht und den Regierungen keinerlei Verpflichtungen auferlegt.“
Diese Unverbindlichkeit scheint immer häufiger Prinzip zu werden. Leider lesen wir immer häufiger, dass publikumswirksame Hilfszusagen an Opfer von kriegerischen Auseinandersetzungen oder Naturkatastrophen nicht eingehalten werden, zugesagte Mittel nicht fließen, die Welthungerhilfe Zahlungen anmahnen muss.
Ist die Solidarität der „Weltgemeinschaft“ nur unverbindlich gemeint?
Darüber müssen wir uns möglichst schnell Gedanken machen! Zeitnah!
Wir müssen uns einfach mal wieder treffen! Man sieht sich!
Dietlinde Kunad, EAM-Vorstandsmitglied
ABSCHALTEN!
Was Fernsehen, Surfen und die Antiatombewegung gemeinsam haben.
Einsichten des Medienfastens von Bettina Marquis
Ach, unsere Beobachtung der Medien läuft sich doch tot! Was kann frau denn schon gegen diesen blühenden Blödsinn? Eine Zwitschermaschine, aus der banaler und allerbanalster Unsinn quillt, weil sie überfüllt ist und den Druck nicht mehr aushält. Immer noch unsinnigere Serien und tägliches Familienleben, mit dem ich vielleicht mein eigenes leeres Leben anfüllen soll? Das ist doch bloß Fastfood für die Seele, ist ganz unecht, macht dick, aber nicht satt. Soll ich in meinen stillen Momenten, die mir mein Alltag lässt, an das verzwickte Schicksal von schicken Serienheldinnen denken statt an einen lebenden Menschen? Und wenn ich nachts aufwache, über die Plausibilität des abendlich konsumierten Verbrechens grübeln und die Seelenwindungen der Handelnden nachkriechen, mit denen ich mir meinen Kopf zugeknallt habe? Habe ich am Ende gar nichts besseres zu tun? Bin ich noch ein Mensch oder ein Stück Fernsehvieh?
Ich denke, wir brauchen eine Bewegung, die der Umwelt- und Antitatombewegung ähnlich ist. Laut erschallt der Ruf "Abschalten!"
Gegen die fortwährende werbungsdurchsetzte Fernsehwelt setzen wir unsere eigene. Wir wollten doch immer die informierte und auswählende Mediennutzerin. Wir wollten solche sein und anderen helfen, solche zu werden. Und so haben wir es auch gemacht. Aber die kritische Medienuserin heute kann gar nicht mehr anders: Sie findet ihre Lebenszeit zu kostbar, um sie mit solchen Telenovelas oder grauenvollen Koch- oder Erziehungssendungen zu verbringen. Die Sterne in ihrem Leben sind aufregender als die Nachwuchsstars, die auf Kommerzkanälen gecastet werden. Sie hat den ganzen Kram zur Kenntnis genommen und ihre Kinder über die Knackpunkte daran aufgeklärt. Auch über die im Netz. Sie machen da spannende Sachen, wenn auch nicht unbedingt zusammen. Ihre Stellung ist eine Hilfestellung. Aber sie ist selbst unterwegs im All des Netzes. Mehr im Netz jedenfalls als im Fernsehen, denn da kann sie noch ein bisschen was selbst machen.
Niveau ist keine Handcreme und Bildung ist keine Frage eines Dutzend- oder gar Millionengeschmacks. Dreißig Kanäle zum Durchzappen und es wird einfach frustrierend schwer und immer schwerer, etwas Interessantes zu finden. Und jetzt mag sie das nicht mehr gucken und klicken, und sucht sich wirklich schöne Angebote heraus. Nicht immer, aber immer öfter. Schluchzend vor Rührung guckt sie Ostern die Filme, die sie schon aus Jahren und Jahrzehnten kennt und deshalb immer wieder gerne sieht, ansonsten frönt sie, manchmal sogar exzessiv, ihrem Hobby, den Dokus. Auch ihre meinungsbildenden täglichen Talkfreundinnen, Anne, Sandra oder Majbritt, auch den nicht so netten und nur smarten Frank, besucht sie eifrig und anhänglich, schaut rein, findet die stets überzähligen und selbstverliebten männlichen Experten dort aber furchtbar und steigt wieder aus. Sie fragt sich, ob sie die Spätnachrichten noch braucht, wo sie doch schon heute, Tagesschau und heute-journal oder wahlweise viertelstundenversetzt Tagesthemen geguckt hat. Und dann entscheidet sie, nein, es ist jetzt genug, sie ist sowieso müde. Oder sie schaltet schon früher ab, denn sie hat mit ihrem Leben noch etwas anderes vor, als es dieser Kiste zu schenken, mit der sie mehr verheiratet ist als mit .... Und am Freitagabend, da schaut sie gar nicht, da hat sie nämlich vier liebe Leute eingeladen und wird für sie kochen und sie werden es nett haben und erzählen und ganz viel Wein trinken!
EAM-Kolumne April 2011
Vor genau zwei Jahren schrieb ich an dieser Stelle über den Amoklauf in Winnenden. Damals verschlug es mir die Sprache, weil ich meinte, über dieses schreckliche Ereignis nicht angemessen, also mit gebührendem Respekt vor den Toten und ihren Familien reden oder schreiben zu können.
Jetzt sitze ich wieder hier und soll einen geistreichen Beitrag schreiben: angesichts des Todes, des zig-tausendfachen des Tsunami und der Atomkatastrophe in Japan, der Kämpfe zwischen Armee und Aufständischen in Libyen und des beginnenden Bürgerkriegs in der Elfenbeinküste. Was kann ich sagen? Was muss ich sagen? Und wozu soll es gut sein?
Ich kann mir weder die Not und die Schmerzen der einen noch den Jammer und die Angst der anderen vorstellen, trotz all der Bilder, die ich inzwischen in den Medien gesehen habe. Japan und Libyen sind Dauerthema im Radio und im Fernsehen, von der Elfenbeinküste (offiziell Côte d’Ivoire), wo ich einmal ein paar Jahre gelebt und gearbeitet habe, lese ich nur im französischsprachigen Internet. Ich fühle mich hilflos, und wenn ich in diesem Zusammenhang die deutsche Innen- und Außenpolitik betrachte, dann wird es nicht besser.
Natürlich gewinnen jetzt die Atomkraftgegner an Stimmen, aber ihre Argumente waren auch schon früher richtig, sie sind nur brisanter geworden durch die Ereignisse in Japan. Jetzt sehen wir, wovon die Rede ist, wenn jemand von einem Restrisiko spricht. Wenn das, was wir in Japan derzeit beobachten, das eingetretene Restrisiko ist, was ist dann aber das ganze risiko? Die Zerstörung der Welt? Ja, so ist es wohl, wir haben sie noch vor uns, auch wenn wir uns im Augenblick hier in Europa noch sicher fühlen. Die radioaktiv verseuchten Wolken und Gewässer, die verstrahlten Lebensmittel werden irgendwann ihren Weg zu uns finden. Wir wissen noch gar nicht, was die täglich wachsenden Radioaktivitätswerte der japanischen Atommeiler wirklich bedeuten, wann und wie der Super-Gau, von dem jetzt alle ausgehen, zu Ende sein wird und was er hinterlassen wird: Ein apokalyptisches Szenario. Das sicher auch bei uns möglich ist.
In den Hintergrund gerät dabei die Bevölkerung, die „nur“ unter den Folgen des verheerenden Erdbebens und Tsunami leidet – immerhin ein Jahrhunderterdbeben! Fast 10.000 Menschen sind bei der Katastrophe am 11. März gestorben, 15.000 werden immer noch vermisst. Laut UNICEF wurden mehr als 260.000 Menschen aus ihren Häusern evakuiert, darunter schätzungsweise 49.000 Kinder, und alle brauchen jetzt Unterkünfte, Hilfslieferungen sowie medizinische und psychologische Betreuung. Hier also kann man helfen, spenden.
Das wirklich Hoffnungslose und Lebensgefährliche wäre, dass wir nichts aus diesen Ereignissen lernen. Es steht mir nicht an, über die Japaner zu urteilen, aber natürlich stelle ich mir die Frage, warum ein Land, das als erstes die Auswirkungen der Atomkraft auf die Menschen zu spüren bekam und das sich der Gefährlichkeit von Atomkraftwerken in der Erdbebenzone bewusst war, nicht schon viel früher Alternativen zur Kernkraft gesucht hat. Ich stelle mir die Frage, warum wir in Europas dicht besiedelten Ländern (vor allem in Deutschland, Frankreich und Großbritannien) immer noch viel zu viel Strom verbrauchen und dadurch den Ausstieg aus der Kernenergie so schwierig machen. Könnte das nicht unsere Fasten-Agenda 2011 sein: ab sofort weniger Strom verbrauchen und so bald wie möglich auf Ökostrom umsteigen? Wir haben nicht wirklich eine andere Wahl.
K. Städtler, EAM-Vorsitzende
Deutscher Evangelischer Frauenbund, Bundesverband
Offener Brief an den ARD-Vorsitzenden und den Intendanten des ZDF, 5. 10. 10
bitte hier lesen.
RTL bringt seinen Zuschauern die schöne, heile Welt ins Wohnzimmer – Reality-Format adaptiert Genre Daily Soap
Ausgewählte Beispiele: „Schwiegertochter gesucht“ mit Vera Int Veen und „Bauer sucht Frau“ mit Inka Bause
Kuppelformate gibt es im deutschen Fernsehen schon sehr lange. Begonnen haben damit sogar die öffentlich-rechtlichen in ihrem Vorabendprogramm, damals eingepackt in ein Unterhaltungsspiel („Herzblatt“) bei dem sich die potentiellen Bewerber in einer Ausgabe für einen Kandidaten bzw. eine Kandidatin bewähren mussten. Heutzutage ist das Genre eine Domäne der privaten Sender, die daraus eine Doku-Soap entwickelt haben.
Die erfolgreichsten im letzten Jahr, waren die dritte Staffel von „Schwiegertochter gesucht“ und die bereits fünfte Staffel von „Bauer sucht Frau“, die ihre Erfolge in den vorangegangenen Staffeln noch steigern konnten. Hatte „Schweigertochter gesucht“ in den ersten beiden Staffeln noch Startschwierigkeiten, schaffte es die dritte Staffel einen Marktanteil von 23% zu erreichen und andere beliebte Formate, die zur gleichen Zeit ausgestrahlt wurden, auf Platz 2 und 3 zu verweisen. Auch „Bauer sucht Frau“ konnte seinen Marktanteil auf 21,5 % steigern und sich als stärkstes Format des Tages erweisen.
Nun starten im Herbst dieses Jahres die neuen Staffeln der beiden Formate und die beiden Ausstrahlungen der Vorstellung der neuen Kandidaten im Mai dieses Jahres zeigten deutlich, dass das Interesse der Zuschauer nicht nachgelassen hat. Da stört es nicht, dass eine große Boulevardzeitung über Schwindeleien bei „Bauer sucht Frau“ berichtete, wie zum Beispiel, dass
- einer der Bauern gar nicht Single war und nur aufgrund einer Wette mit einem Freund teilnahm,
- eine Kandidatin eigentlich aus dem horizontalen Gewerbe stammte,
- ein Bauer gar kein richtiger Bauer war und sich daher den Hof eines Freundes auslieh,
-
man angeblich für die Teilnahme 3000 Euro bekommt.
All diese Vorwürfe wurden vom Sender entschuldigt und berichtigt, den Zuschauer scheint dies aber nicht zu interessieren, wie die Einschaltquoten belegen.
Was aber nun macht den Erfolg dieser beiden Formate aus? Auf den ersten Blick ist es nicht erkennbar, beide Formate sind von der Dramaturgie und der Auswahl der Kandidaten eigentlich austauschbar. Auch das Konzept ist identisch. Die potentiellen Ehemänner suchen sich aus ihrer „Post“ zwei Damen aus, die sie dann entweder gleich zu Hause empfangen („Schwiegertochter gesucht“) oder beim Scheunenfest („Bauer sucht Frau“) näher kennen lernen dürfen. Auch die Bauern müssen sich nicht gleich entscheiden, sondern dürfen erst einmal beide Bewerberinnen mit nach Hause nehmen. Nach einer Weile müssen sich dann die „Ehemänner“ für eine Bewerberin entscheiden, mit der sie das Zusammenleben erproben wollen. In den meisten Fällen gibt es am Ende der Staffel ein Happy End, nur wenige werden nicht glücklich und können dann in der nächsten Staffel nochmals ihr Glück versuchen, wie beispielweise Bauer Heinrich der bislang erfolglos war.
Mit vielen Specials sollen unschlüssige Bewerber(innen) mit Bildern und Einspielungen von erfolgreich verkuppelten Paaren zur Teilnahme mobilisiert werden. Hierbei achtet man natürlich darauf, vor allem die Quotenbringer-Paare zu zeigen. Zwischen der Vorstellung der neuen Kandidaten werden immer wieder Sequenzen der bereits glücklich verkuppelten Paare in trauter Harmonie und Glückseligkeit gezeigt. Bei „Schwiegertochter gesucht“ durfte der Zuschauer sogar die Hochzeit eines Paares aus der letzten Staffel mit verfolgen.
Und man glaubt es kaum, aber da taucht doch plötzlich bei Bauer Heinrich eine erfolglose Bewerberin aus der letzten Staffel von „Schwiegertochter gesucht“ auf und versucht nun mit allen Mitteln den einsamen Bauern zu erobern. Dass die dabei Agierenden oftmals gar nicht so glücklich wirken wie Moderatorin und Musik suggerieren, liegt wohl eher daran, dass es sich um Laiendarsteller handelt.
Dennoch geht das Konzept beim Zuschauer auf: durchschnittlich 8 Mio. erwachsene Zuschauer verfolgen die einzelnen Episoden, es sind vor allem Frauen, die sich von diesen Formaten angesprochen fühlen. Es sind Märchen, die dem Zuschauer mit den einfachsten dramaturgischen Mitteln gezeigt werden. Die idyllische, heile Welt auf dem Bauernhof mit netten Tierbabys und viel Romantik bei Kerzenschein und Picknick in beiden Formaten.
RTL macht es möglich, dass einsame bisweilen sicher schwer vermittelbare Menschen einen Partner fürs Leben finden und der Zuschauer träumt diese Schicksalsmomente mit. Eine Daily Soap mit „echten“ Menschen scheint die Bedürfnisse der Zuschauer in ihrer heutigen Lebenswelt voll zu befriedigen. Viele nehmen so aktiv an diesem medialen Leben teil, dass sie in den eigens für die Formate geschaffenen Communities mit Gleichgesinnten diskutieren, Fangemeinschaften bilden oder die Erlebnisberichte von Bewerberinnen lesen.
Alles in allem gelingt es RTL mit diesen beiden Formaten den Zuschauer so weit einzubinden, dass er das Gesehene als real wahr- und annimmt. Darüber sollten wir alle nachdenken, insbesondere schon deshalb, weil es sich um erwachsene Zuschauer handelt!
Anmerkung: Jugendliche und junge Erwachsene schauen sporadisch zur Belustigung die beiden Formate, insbesondere dann, wenn Stefan Raab bei „TV Total“ auf besonders skurrile Personen aufmerksam macht.
Sabine Jörk, 11. Juni 2010
Kommentar zum Verbot der Ladenöffnung an den Adventssonntagen
Weswegen wir alle gewonnen haben
Zum Verbot der Ladenöffnung an den Adventssonntagen
Das war doch endlich mal wieder eine gute Nachricht, dass wir gewonnen haben. Wir von der Sonntagsallianz haben vor dem Bundesverfassungsgericht gewonnen. Die Adventssonntage dürfen nicht auch noch Einkaufstage mit Sonderöffnung sein. In Berlin schon noch, dieses Jahr, aber nächstes Jahr dann nicht mehr. Irgendwann ist Schluss, auch im Laden.
Warum haben wir gewonnen? In den Medien hieß es doch, das sei ein Bündnis von Kirchen und Gewerkschaften. Aber wir sind Kirche, und wir sind auch die Kolleginnen und Kollegen, die auch am Sonntag noch arbeiten müssen und sogar an den vier besonderen vor Weihnachten, wenn wir nicht aufpassen. Wir sind alle in der Sonntagsallianz.
Da ist es auch nicht so gut, in Erneuerung auf schon früher erhobene Forderungen als Reaktion des bayerischen Wirtschaftsministers Zeil auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes hören zu müssen, nun mösse aber unter der Woche bei den Ladenöffnungszeiten etwas geschehen. Da haben sich welche aufgemacht, uns das Fürchten zu lehren. Aber wir fürchten uns nicht. Und wir lassen uns auch nicht total vereinnahmen, denn wir sind frei.
Es ist bestätigt worden, dass wir einen verfassungsrechtlich geschützten Sonntag haben, der der Ausübung der Religion dienen soll und unserer Erholung und seelischen Erhebung. Wir haben einen Sonntag, der uns gehört und unserer Familie, und nicht dem Arbeitgeber. Einen Sonntag, um Gott dienen zu können und nicht dem Geld dienen müssen. Das geht sonst so weit, dass wir durch dieses sich fortwöhrend verdingen mössen selbst zum Ding werden, zur Sache, über die jemand anderer verfügt. Das geht zu weit.
Es tut uns allen gut, wenn nicht alles geht in unserem Land. Und wenn im sechzigsten Jahr unsere Verfassung bestätigt wird, die den Menschen in den Mittelpunkt gestellt hat. Deswegen haben wir alle gewonnen.
2. Dezember 2009
Bettina Marquis


